Kapitän Tim Cook steuert Apple
Tim Cook leitet seit Mitte Januar das operative Geschäft des Apple-Konzerns. Der erfahrene Steuermann übernimmt bereits zum dritten Mal die Verantwortung für das Unternehmen. Der Chief Operating Officer (COO) wird als möglicher Nachfolger für den Chefposten in Cupertino gehandelt.
Timothy D. «Tim» Cook ist der starke Mann im Schatten von Steve Jobs. Der Apfel-Guru gönnt sich nach seiner Lebertransplantation im letzten Jahr eine unbestimmte Auszeit. Damit verliert die Firma ihre schillerndste Gallionsfigur.
Bewährte Vertretung
COO Cook ist für die meisten Apple-Beobachter ein bekanntes Gesicht. Er stiess vor 13 Jahren zum Unternehmen und ist mit seiner Rolle als Interim-CEO bestens vertraut. 2004 vertrat er Steve Jobs, als dieser wegen einer Behandlung des Pankreastumors ausfiel. In der ersten Hälfte 2009 stand Tim Cook wieder am begehrten Ruder, während dem CEO eine Leber verpflanzt wurde.
Tim Cook für einmal lächelnd
Nummer zwei hinter der Ikone
Wired beschrieb Tim Cook vor zwei Jahren als das Yin zu Steve Jobs Yang. Der Fünfzigjährige sei ein ruhiger, leise sprechender und zurückhaltender Manager. Er besitzt einen Abschluss in Industrial Engineering und ein Master of Business Administration (MBA) Studium. Seine öffentlichen Auftritte gelten als langweilig und seine Stimme wirkt bei Präsentationen unsicher.
Der ehemalige Vizechef bei Compaq überzeugte laut Insidern bei der Einstellung durch seinen Stoizismus. Der öffentlichkeitsscheue Cook wird von der US-Boulevardpresse als «mächtigster Homosexueller im Silicon Valley» beschrieben. Er besitzt Apple-Anteile im Wert von über 136 Millionen US-Dollar. Trotzdem verzichtet er als Mieter spartanisch auf ein eigenes Haus.
Cook wuchs in Alabama auf und ist Single. Er liebt die Natur und fährt begeistert Rad. Seine Lebenseinstellung veränderte sich 1996 als ihm irrtümlich Multiple Sklerose diagnostiziert wurde. «Sie sehen die Welt auf eine andere Art» sagte er später Journalisten. Seither spendet er regelmässig grössere Beträge zur Bekämpfung der Krankheit. Der Apple-Vize interessiert sich aktiv für Politik und unterstützte Barack Obamas Wahlkampf.
Tim Cook und Steve Jobs
Hartnäckiger Erfolgsarchitekt
Als unaufhaltsames Arbeitstier ernährt sich Cook von Energieriegeln. Er sitzt oft als erster Mitarbeiter am Schreibtisch und verlässt den Apple-Campus als Letzter. 1998 sanierte er die marode IT-Firma, nachdem Steve Jobs zwei Jahre zuvor erneut das Steuer übernahm. Bei Apple ist er bekannt für seine Rationalisierung und Überwachung von Produktions- und Logistikprozessen. Cook charakterisierte sich als «Attila, der Hunnenkönig des Materiallagers». Unter seiner Führung reduzierte sich der durchschnittliche Lagerbestand des Technologiekonzerns von 31 auf sechs Tage.
Seine langfristigen Materialeinkäufe und sein Verhandlungsgeschick mit Mobilfunkanbietern sind legendär. Dazu zählt das 1.25 Milliarden US-Dollar Geschäft zur Sicherung von NAND Flash-Speicher vor sechs Jahren. Laut DigiTimes soll sich Apple für 2011 fast 60 Prozent aller weltweit produzierten Multitouch-Screens reserviert haben, um Produktionsengpässe zu vermeiden.
Humorloser Macher
Die Zeitschrift «Fortune» bezeichnete Tim Cook als «das Genie hinter Steve». Er wird mit dem farblosen Steve Ballmer von Microsoft verglichen, der bei fehlender Effizienz knallhart durchgreift. Stellvertreter Cook versteht gemäss seinen Mitarbeitern keinen Spass. Kreative Design-Innovationen sind vom Zahlenmensch also nicht zu erwarten. Er kann auf eine eingespielte Mannschaft und volle Produkt-Pipeline zählen.
Als kühler Stratege wird Tim Cook der treuen Fan-Gemeinde kaum grandiose iGadgets präsentieren. Mac OS X Lion sowie die gewohnten Aktualisierungszyklen bei Hard- und Software sind gesetzt. Mit dem erwarteten iPad 2 dürfte er niemanden von Hocker reissen. Das gewisse Etwas – das sogenannte Reality Distortion Field (Wirklichkeitsverzerrungsfeld) des Steve Jobs – wird ihm auf der Bühne fehlen.
Cook bei der Vorstellung des Verizon iPhone 4
Info-Box: Jobs hinterlässt eine Leere
Apple wird ohne Steve P. Jobs ein anderes Unternehmen, glauben Branchenexperten. Er hinterlasse ein Kreativitäts-Vakuum, das sein Management-Team nur schwer auffüllen kann. Der Visionär Jobs hat die Weichen für 2011 gestellt und bleibt für die strategische Ausrichtung im Verwaltungsrat. Trotz seiner Beurlaubung führt Jobs per Telefon und zu Hause Geschäftssitzungen durch, berichtete das Wall Street Journal. Ohne den charismatischen Apple-Boss dürften dieses Jahr sensationelle «One more thing» Produktvorstellungen ausbleiben.
Marcel Büchi, Donnerstag 17. Februar 2011 20:54 (mac)
Bilder: Apple, MSNBC und Macnotes.de


